
2006 hat sich Marion Kiesow auf den ersten Tanz in Clärchens Ballhaus verliebt. Diese Liebe hält bis heute und jetzt hat sie diesem wunderbaren Ort ein Buch gewidmet: “Berlin tanzt in Clärchens Ballhaus. 100 Jahre Vergnügen – eine Kulturgeschichte”. Niemand weiß mehr über das Haus und seine Menschen als unsere Autorin – und niemand kann unsere Neugier besser befriedigen:
Frau Kiesow, Sie haben ein Buch über Clärchens Ballhaus geschrieben. Wieso ausgerechnet über diese Ausgehinstitution, wo es doch auch andere legendäre Ballhäuser in Berlin gibt?
Clärchens Ballhaus ist noch aktiv, ist nicht nur Geschichte und zudem ein offenes Haus. Hier kann jeder nach seiner Facon tanzen. Das hat mir von Anfang an gefallen. Und irgendwann nahm mich das Haus regelrecht gefangen, und ich begann mich, für seine 100-jährige Vergangenheit zu interessieren. Ich schaute mir den Stuhl an, auf dem ich saß, und ich fragte mich, wer wohl schon auf ihm gesessen und wer auf diesem Parkett getanzt haben mag. In Mitte gibt es ja noch zwei weitere Ballhäuser, die aber vom Publikum her nicht ganz so breit gefächert sind wie Clärchen. Außerdem – wo wird man so herb-freundlich begrüßt wie an Clärchens Garderobe?
Sie haben in den vergangenen Jahren ziemlich viel Zeit im Ballhaus verbracht, sodass Sie fast schon zum Inventar gehören. Wie lange haben Sie insgesamt für das Buch recherchiert?
Na ja, etwas beweglicher als die Tische bin ich schon …
Begonnen habe ich 2009 und zunächst recherchiert, ob es jemals eine Publikation über das Haus gab. Es gab keine. Nur jede Menge Zeitungsartikel, auch Beiträge im Internet – bis hin nach China. Aber nichts Gedrucktes! Doch so ein Haus ruft ja geradezu danach, dass jemand seine Geschichte aufschreibt. Günter Schmidtke, der Garderobier, war dann eigentlich der erste, der mich überhaupt ernst nahm mit meinem Unterfangen. Von ihm erhielt ich
»Clärchen für Anfänger« und auch einige Namen ehemaliger Mitarbeiter. Manchmal nur Vornamen mit Andeutungen auf mögliche Wohnorte. Doch das Nachforschen hat mir großen Spaß gemacht, und inzwischen habe ich mir so viel Praxis angeeignet, damit könnte ich glatt eine Detektei eröffnen. Dann gab es zähe Phasen, in denen sich nichts rührte, niemand zu finden war oder keiner reden wollte. Ich blieb beharrlich. Selbst das dauernde Nachfragen von Personal und Gästen bei meinen Ballhausbesuchen, wann ich denn endlich fertig sei, habe ich gelassen ertragen. Ich wusste ja, wohin ich wollte. Und ab einem bestimmten Punkt – eigentlich erst 2011 – lief es gut, ich suchte nicht nur, ich fand auch: Menschen, die erzählen wollten und konnten, und interessantere Fotos als die lange bekannten. Da ich das Buch auch gleichzeitig gestaltet habe, war es ein langer, abwechslungsreicher Prozess. 2012 war ich dann im Großen und Ganzen fertig. Also man kann schon sagen, da stecken 3 Jahre Recherche drin.
Es gibt darin über 600 Abbildungen und eine unglaubliche Anzahl an spannenden Informationen. Wo haben Sie nur diese Unmengen an Material aufgestöbert?
Vieles an Material haben mir ehemalige Angestellte und auch die ehemalige Betreiberin Frau Wolff zur Verfügung gestellt. In Archiven war eher wenig zu finden, obwohl ich dort große Unterstützung erhielt. Relativ spät bekam ich noch ein paar Kisten aus dem feuchten Ballhaus-Keller geliefert, in denen ich Interessantes fand: Schriftwechsel, Hinweise auf Personen, Etiketten, Speisekarten (leider nur blanko) und zerschnittene Landkarten, die das Militär Ende des 2. Weltkriegs im Spiegelsaal zurückgelassen hatte. Es war zum Teil fast archäologische Arbeit, manches zerbröselte buchstäblich in meinen Händen. Das betrifft das historische Material.
Darüber hinaus haben mich einige sehr gute Fotografen unterstützt: Bernd Schönberger, Bernd Riehm, Eberhard Klöppel und insbesondere Klaus Bädicker, der mir nicht nur interessante teils dokumentarische Fotos vom Ballhaus und Umgebung überließ sondern auch wertvolle Tipps gab, Kontakte schuf. Dann habe ich Zeitgenössisches gelesen, Zeitungen, Bücher, und teils Bemerkenswertes gefunden. Ich habe immer versucht, an die Originalquellen zu kommen. Das wird belohnt. Gerne habe ich auch den Menschen genau zugehört, manche haben einen besonderen Sprachwitz. Längst vergessene Redensarten und kleine Lebensweisheiten, alles das hat mich interessiert.
Und dann gab es noch einen Effekt, der für mich interessant zu beobachten war: Die Dinge kamen zu mir. Ich hielt plötzlich unvermittelt vor einem Antiquariat, ging hinein, griff in ein Regal und hatte einen Text gefunden, der darauf gewartet hatte, ins Buch zu kommen. Sätze fanden zu Bildern. Informationen und Menschen fanden zu mir.
Besucht man Clärchens Ballhaus an einem Freitag- oder Samstagabend, fühlt man sich wie auf einem Familienfest, auf dem mindestens drei Generationen anwesend sind. Warum, glauben Sie, hat Clärchens Ballhaus heute eine so große Anziehungskraft auf viele unterschiedliche Altersgruppen?
Weil es dort so eine selbstverständliche Gastfreundschaft gibt. Der Gast wird nicht an der Tür taxiert und stehen gelassen. Man bittet alle hinein (na ja, stark Alkoholisierte natürlich nicht). Aber es ist egal, ob man alt ist oder ob man olle Sandalen anhat, ob man im Cocktailkleid kommt, ob man kein Wort Deutsch spricht oder versteht. Der Wille, sich gründlich zu amüsieren, eint die Menschen. Junge Leute erfahren, dass sie hier noch einige Jahrzehnte weitermachen können, keine Angst vor der Midlife-Krise haben müssen – die können sie hier durchtanzen. Viele tun das ja bereits. Und die ganz Alten wissen, dass man sie höchstens beneidet um ihren Mut, die Tanzfläche zu stürmen, und nicht belächelt. Meine jüngsten Tischpartner waren 18, die ältesten 86.
Die Ansicht, dass Ballhäuser nur in Berlin funktionieren können, ist weit verbreitet. Selbst David Regehr, einer der derzeitigen Betreiber, sagte in einem Interview: „So etwas wie Clärchens Ballhaus würde in München nicht gehen.“ Warum?
Dazu kenne ich mich ehrlich gesagt zu wenig aus in München, um mir ein Urteil erlauben zu können. Herr Regehr ist ja Münchner, vielleicht sollte man ihn dazu genauer befragen. Ich weiß nur, dass viele Münchner gerne zu Clärchen kommen und auch schon mal bedauern, dass es so etwas bei ihnen nicht gibt. München hat ja eine ganz andere Geschichte, eine ganz andere Entwicklung genommen als Berlin.
Kann ein Buch über Clärchens Ballhaus, bei dem es sich ja um einem Ort handelt, der stark mit persönlichen Eindrücken und Erfahrungen verbunden ist, auch Menschen erreichen, denen dieser Ort bisher noch kein Begriff ist?
Ich denke, das kann funktionieren, weil ich ja nicht nur über das Ballhaus schreibe, sondern auch über 100 Jahre deutsche Geschichte, insbesondere Kulturgeschichtliches einbinde. Man kann also lesend einen Streifzug durch die Jahrzehnte machen, sozusagen im Ballhaus durch die Zeit reisen. Moden kamen und gingen, und Regeln änderten sich beim Tanz genauso wie in der Gesellschaft. Im Übrigen gibt es noch ein Phänomen: Viele glauben Clärchens Ballhaus zu kennen, ohne jemals da gewesen zu sein. Es ist so etwas wie ein Synonym für Berliner Vergnügen geworden.

Und hier gibt es ein Interview mit Günter Schmidtke, dem Mann, an dem im Ballhaus keiner vorbeikommt.
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