5 Fragen an Ulla C. Binder

Ulla C. Binder ©Ulla C. BinderEs gibt sie noch – und gibt sie wieder: kleine und feine Manufakturen, in denen Produkte aus erster Hand gefertigt werden. Die Fotografin und Autorin Ulla C. Binder ist für uns in die  Welt der Berliner Manufakturen mit ihren wunderbaren Produkten und Geschichten eingetaucht. Wieder aufgetaucht ist sie mit ihrem ebenso wunderbaren Buch „Manufakturen. Handgemachtes aus Berlin“ und einer erlesenen Auswahl ihrer Fundstücke. Wie Ulla C. Binder diese Zeit erlebt hat, wollten wir unbedingt erfahren:

Frau Binder, Sie sind vor allem Fotografin und Grafikerin. Wie war Ihre künstlerische Annäherungsweise an dieses Projekt, wie wollten Sie die Manufakturen erzählen?

Meine erste bildliche Vorstellung waren die fertigenden Hände, was natürlich sehr naheliegend ist, wenn eine Manufaktur beschrieben und gezeigt werden möchte. Die zweite Vorfreude lag darin, welche Umgebung und welche Stimmung mich in den Werkstätten erwarten würden. Neben den Produkten als solche interessierte ich mich sehr für die Herstellungs- und Hintergrundgeschichte: Was sind das für Menschen? Wo kommen sie her und was hat sie dazu gebracht, sich für das Handgemachte zu entscheiden? Wo findet die Tätigkeit statt? Was brauchen sie dazu und was nicht? Das sind die spannenden Geschichten hinter den Kulissen.

Nach welchen Kriterien erfolgte die Auswahl der Manufakturen?

Im Mai 2015 fragte mich der damalige Verleger Andreas von Stedman, ob ich mir vorstellen könnte, dieses Projekt zu verwirklichen. Da das Handwerk, neben der Musik und Kunst, eines meiner liebsten Themen ist, sagte ich sehr gerne zu. Zunächst sammelte ich mit meiner Lektorin Lydia Fuchs viele Manufakturen an, die dann sortiert und selektiert wurden. Meine Favoriten begann ich im September zu besuchen und startete mit den ersten Interviews sowie dem jeweils direkt anschließendem Fototermin. Während der Manufaktur-Besuche wurden mir häufig Betriebe empfohlen, die noch nicht auf meiner Liste standen, jedoch so spannend klangen, dass sie während des Prozesses noch in das Projekt einflossen. Das waren nicht selten großartige Fügungen …

Inwiefern hat sich Ihre Sicht auf Handarbeit während der Arbeit an diesem Buch bestätigt oder verändert? Warum sind Ihnen diese Betriebe wichtig?

Verändert hat sich meine Sicht auf die Handarbeit überhaupt nicht, sie hat sich absolut bestätigt und vertieft. Schon als Kind war ich extrem neugierig und experimentierfreudig, wenn es ums Basteln und Bauen ging. Die Erlebnisse mit meinem Großvater in dessen Superwerkstatt – er war Konstrukteur bei Daimler – waren immer schon das Größte für mich. Ihm hab ich viele Löcher in den Bauch gefragt, wie was funktioniert und warum das so ist. Während meiner Berufsausbildung machte ich dann unter anderem Station in einer Schreinerei und in einer Schneiderei. Ich lernte alles über die Textiltechnik, die Fototechnik, die Malerei, sogar die Bildhauerei streifte ich einmal. Die liebevolle Neugier für Kunst und Handwerk begleiten mich mein ganzes Leben. Und die Frage: Wo kommt das her? – das ist die wichtigste, die man meiner Meinung nach immer bei sich tragen sollte. Denn zum einen sind diese Erkenntnisse häufig wahnsinnig spannend und lehrreich, und zum anderen ist es doch heute wichtiger denn je zu erfahren, was man da eigentlich konsumiert. Wer hat meine Kleider hergestellt und unter welchen Umständen? Wo kommt das Obst her, das ich in meinen Körper aufnehme, wie sind die Tiere aufgewachsen von denen wir Nutzen haben? Die Dinge, die wir käuflich erwerben fallen ja nicht vom Himmel, sie müssen alle irgendwie entstehen und oder hergestellt werden. Das Handwerk zu beleuchten und hervorzuheben, zu erklären, wer das macht, wie lange es dauert, was dazu an Zeit und Kraft notwendig ist – das erklärt uns so vieles und mitunter auch den Preis, den ich mit diesem Wissen dann gerne dafür bezahle. Es schärft das Bewusstsein dafür, dass viele Produkte, die wir heutzutage konsumieren für diesen günstigen Preis eigentlich gar nicht angeboten werden können, ohne unfair gehandelt zu sein.

Wie viele Manufakturen haben Sie insgesamt besucht und wie tief konnten Sie in die Arbeit vor Ort eintauchen?

Insgesamt habe ich schließlich 41 Manufakturen besucht. Zunächst geplant waren ca. 25-30, so hatte ich dann fast Sorge, dass die Anzahl der Fotografien eventuell darunter leiden könnte. Das Projekt hatte jedoch, wie ich oben schon andeutete, eine Art Eigendynamik entwickelt und auf manch neu hinzukommende Betriebe wollte ich einfach nicht verzichten.
Von allen Arbeitsschritten und Vorgängen konnte ich mir ein Bild machen. Natürlich wollte ich die außergewöhnlichen Produkte und deren Entstehung zeigen – da es ein Manufaktur-Führer ist, kann sich der Leser davon selbst vor Ort ein Bild machen. Aber die Geschichte hinter den Kulissen, die kann nicht jedem Leser vor Ort selbst erzählt werden. Diese habe ich festgehalten und versucht von jedem Kosmos, der jene interessanten Menschen umgibt, die Essenz herauszudestillieren und in Wort und Bild behutsam zu dokumentieren. Die Fotografien hatten zum Glück auch noch genug Platz.

Was erwartet den Leser? Können Sie als kleine Vorkost schon ein besonders eindrucksvolles, erstaunliches oder sinnliches Erlebnis mit uns teilen?

Den Leser erwartet eine Art Reise durch die Welten einiger Berliner Manufaktur-Betriebe. Traditionelle Familienbetriebe in vierter Generation, modernste Upcycling-, Imaginäre- und Online-Betriebe begegnen sich auf Augenhöhe. Es werden Herstellungsprozesse, persönliche Erlebnisse, Lebensgeschichten erzählt – und nebenbei auch die Geschichte unseres Landes und dieser einzigartigen Stadt Berlin. Im Vorwort geht der Historiker Fabian Rüger übrigens sehr schön auf dieses Thema ein.
Es ist schwierig hier jetzt ein bestimmtes Erlebnis explizit heraus zu picken, denn alle 41 Begegnungen waren einzigartig und zutiefst beeindruckend. Emotional besonders eindrucksvoll war für mich der Besuch bei der begnadeten Parfumeurin Marie Le Febvre. Sie besitzt tatsächlich die Fähigkeit, neben bezaubernden Düften auch einen Geruch zu kreieren, der ihre betrübte Empfindung in einem bestimmten Moment festhält. Über den Geruchsinn lässt sie dieses Gefühl auch andere Menschen erleben. So geschehen, als ich in ihrem Labor an dem blauen Flakon mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ riechen durfte… mehr darüber und die vielen anderen einzigartigen Momente finden Sie im Buch.

Foto ©Ulla C. Binder

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